FIRST SIGHT AMY

Ich war nie sonderlich an Popmusik interessiert, ich hatte immer besseres zu tun, und zu hören. Wahrscheinlich war die erste Begegnung deshalb so intensiv. Als wäre etwas vom Himmel gefallen, direkt auf meinen Kopf, und die Zeit blieb stehen.
Vielleicht nicht so first sight, aber immerhin first night. Wir haben die ganze Zeit geredet, und in den Lücken zwischen den Wörtern stand noch viel mehr, Unsagbares, Unheimliches. Kennst Du das auch? Hast du das schonmal gehört? Unglaublich.
Ich konnte es danach nie verstehen, dieses Bild, das sie von sich gezeichnet hat, in der Öffentlichkeit. Können Äußeres und Inneres wirklich so weit auseinander klaffen? Was ist dazwischen? Wie weit müssen die Organe sich strecken, damit Schale und Kern noch zusammenhalten?
Vielleicht hatte sie doch überlegt, bei mir zu bleiben. Aber nein, es wussten immer schon andere, die Typen im Hintergrund, was besser für sie wäre. Besser als was? Als Saft an der Nordsee, ein ruhiges Leben, vielleicht ab und zu ein Konzert auf einem Butterschiff?
So ein Leben wollte sie nicht, ich weiß, und trotzdem bin ich mir bis heute nicht klar darüber, warum sie nicht einfach mal nein! gesagt hat. Aufgestanden ist, die Show unterbrochen hat, ab ins Rehab. So einfach ist das nicht, hat sie gesagt, und dass sie auch gerne darüber lachen würde. Aber die unsichtbaren Fesseln tun auch weh, und die Ordnung am Tisch ist fixer, als Du glaubst. Ich bin aufgestanden, habe den Strandkorb verlassen: „Guck, so einfach ist das!“.
Auch darüber hat sie nicht gelacht, nein, sie hat geschrien. Richtig beschimpft hat sie mich: „Du gefühllose Zwiebel, verstehst Du nicht, dass ich mich nicht einfach so schälen kann wie du? Das ist kein Faschingskostüm, das ich ablegen kann, und mich dann unter die glücklichen Partycocktails mischen! Natürlich geht es allen anderen mieser als mir, und meine Songs machen auch keine Hoffnung, aber das Schlimme daran ist, dass die Zeit so schnell vergeht!
Und ich habe kein Land in Sicht, keinen Rückzugsraum. Safe Space, was soll das sein? Hast Du die letzte Folge gesehen?“
Und als sie dann über den Strand wegrannte, musste ich trotzdem darüber lachen, dass sie ihre Stöckelschuhe nicht ausgezogen hatte, die ganze Zeit nicht, und jetzt im graunassen Sand versank. „So fix kann deine Rolle doch gar nicht sein!, rief ich ihr hinterher, Arnold Schwarzenegger hat sein Image auch geändert bekommen!“
„Ich bin aber kein weißer reicher Schweizer, der alle für dumm verkauft, Du Arschloch!“, brüllte sie aus der nebeligen Ferne. „Mein Image ist keine CD-Hülle zum wegschmeißen!, ich hab das in mir Drinnen.“
Und dann war sie verschwunden, in der Nacht oder im Meer.
Ich habe mir ihre CD gekauft, und wäre gerne zu Beerdigung gegangen, um irgendjemanden eine runterzuhauen. Stattdessen habe ich einen Song geschrieben.


you. me. we. us. they. them. no.
du ich wir uns, die euch? nein.
Wenn ich nach Bindelücken suche
finde ich nur Grenzen
Ich versteh es nicht, dass schon ein Blick genügt,
ein Verweis, das ist nicht mein Gebiet.
Da sitzt schon du, und du bist euch, nicht ich und wir und uns.
Lieber mal die Klappe halten, nicht wissen, was das soll.
Der Weg zum sammen endet hier, auch wenn er weiter rollt.


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